Null-Dimension
oder: Quasiwissenschaftliche Erläuterungen über die tatsächliche Größe des Mittelpunktes
oder: Warum es sich aufgrund der herrschenden Erdschwerkraft in einfacher und leicht faßbarer Weise nachvollziehen läßt, daß der Stamm der Pygmäen in direkter Linie von den Eskimos abstammt.
Von vielen Dingen wird behauptet, sie hätten einen Mittelpunkt (angefangen vom Mittelpunkt der Erde über Mittelpunkte von Flächen und Objekten bis hin zur Tatsache, daß Quasiwissenschaftler, die so wie wir fundamentalste Thesen vertreten, dadurch ebenfalls notgedrungen im Mittelpunkt des geistigen, wirtschaftlichen, politischen und klerikalen Interesses stehen).
Mittelpunkte gibt es im täglichen Sprachgebrauch also viele – sprichwörtliche ebenso wie mathematisch (angeblich) nachweisbare. Unabhängig davon, wer den Begriff „Mittelpunkt” in welchem Zusammenhang auch immer strapaziert, können wir jedoch nach eingehenden quasiwissenschaftlichen Studien nunmehr den unwiderlegbaren Beweis erbringen, daß dabei ohne Ausnahme etwas benannt wird, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt.
Bereits ein leicht faßliches Beispiel öffnet dem interessierten Leser Augen und Mund quadratmeterweit: Der angebliche Mittelpunkt eines beliebigen Kreises ergibt sich aus dem Umstand, daß jeweils vom äußeren Rand A (a) zur Mitte gemessen ein bestimmter Abstand (ra) zwischen diesen beiden Punkten vorhanden ist. Zum genau gegenüber von Rand A liegendem Rand B (b) ergibt sich der absolut identische Abstand (rb). Werden die beiden Längen addiert (ra + rb), ergibt sich daraus exakt der Durchmesser (d) des Kreises. Werden zur Kontrolle nun die beiden Radien (ra + rb) vom Durchmesser (d) subtrahiert (d – ra – rb) wird das Ergebnis immer 0 (in Worten: Null) betragen.

Auf diesem Foto sehen Sie die
Aufnahme eines Mittelpunktes
in 20.000.000.000-facher Vergrößerung
Geneigter Leser, lassen Sie sich daher von niemandem mehr etwas über Mittelpunkte weismachen. Wie wir nunmehr nachgewiesen haben, existieren diese schlichtweg nicht und sind nur das abstruse Konstrukt von geistig dahinsiechenden Persönlichkeiten, die längst nichts weiter sind als klitzekleine Fußnötchen in der Geschichte der Wissenschaft.
Wenn nun einer Ihrer Freunde (so sie welche haben), Ihr Chef (so sie dem überhaupt zuhören) oder Ihr Lebens-/Ehepartner (so sie überhaupt zuhause sind, wenn dieser mit ihnen spricht) von Ihnen meint, Sie stehen für ihn im Mittelpunkt des _________________________ (hier sei Ihnen Ihre eigene Interpretation unbenommen), so meint er/sie damit in Wahrheit, daß Sie ihm/ihr vollkommen egal sind und Ihrer physischen wie psychischen Anwesenheit keinerlei wie immer geartete Bedeutung beigemessen wird.
Anmerkung: Unseren Studienerkenntnissen am nächsten kommt noch die durchaus gängige volkstümliche Redewendung, der Mittelpunkt der Erde sei zugleich auch„der Nabel der Welt”. Wie der interessierte Leser sehr einfach an seinem eigenen Bauchnabel erkennen kann (etwa mit einem Lineal oder einfach unter Zuhilfenahme eines Fingers, bei größeren Exemplaren auch der ganzen Faust), ist dessen Größe durchaus nicht 0 (in Worten: Null) und seine Ausdehung in mehrere Dimensionen ist durchaus auch für einen Laien feststellbar. Ausgehend vom Schlagwort „Nabel der Welt” vertreten wir vielmehr die Ansicht, daß eine wissenschaftlich erwiesene Nicht-Existenz eines „Mittelpunktes” nicht das Vorhandensein eines „Mittelobjektes” ausschließt, das exakt im Zentrum eines ihn umgebenden Objektes ausgerichtet ist.
Richtig muß es demnach etwa heißen: „Ich bin das Mittelobjekt des allgemeinen Interesses” oder „Du bist das Mittelobjekt meines Lebens”. Wären Erkenntnisse dieser Art bereits dem amerikanischen Biographen Yul Verne bekannt gewesen, hätte eines seiner Bücher wohl den Titel „Reise zum Mittelobjekt der Erde” getragen.
Copyright: Dieser Text darf bis zur Vorlage an die Nobelpreiskommission und die offizielle Anerkennung durch diese von unautorisierten Personen weder vervielfältigt noch in anderer Weise irgendwem zur persönlichen Bereicherung dienen. Interessierte Leser werden jedoch gebeten, mit dem Wissenschaftsteam in Gedankenaustausch zu treten.
© The Line, 1998
